Der Aufstieg von 4700 Metern zum Gilmanspoint

Voll Freude sah ich an der Kibo-Hütte alle Mitbeschreiter/innen wieder. Wir stärkten uns mit einem feinen Nachtessen und viel heissem Tee. Danach legten wir uns bis 23.00 Uhr zur Ruhe. Die Nacht war sternenklar, der Mond schien und der Kili lag frisch verschneit vor uns. Für mich traumhafte Bedingungen um den langen Weg in aller Ruhe anzugehen. Der Tazzelwurm setzte sich um halb eins in Bewegung. Die Gruppe ging in sehr langsamen Tempo, ich selbst wäre lieber etwas schneller gegangen. Ich versuchte mich der Gruppe anzupassen, merke aber dass die kleinen Pausen, mir Kräfte raubten. Für Markus, meinen Mann war dieses unrhythmische Laufen noch  viel schlimmer. Nach ca. 2,5 Stunden fühlt sich Markus sehr unwohl. Ich wusste – nun musst du ganz ruhig bleiben: einige Schritte hinuntersteigen, damit die  Höhenkrankheit Ihn nicht übernimmt und sein Kreislauf sich wieder beruhigen kann. Das Naturheilmittel „Coci“ vertrieb seine Übelkeit. Ich selbst nutzte die Pause, trank Tee und wagte den Blick Richtung Gipfel. Ein Blick den ich mir danach nicht mehr oft leistete, den er verriet mir, dass es noch so manchen Höhenmeter zu über winden gab.

Der erneute Start hatte uns freie Laufbahn beschert, so fanden wir mit unseren Begleitern unseren Rhythmus und liefen erneut auf eine Gruppe auf, die Pause machte. Wegen der Müdigkeit hätte ich keine Pause gebraucht, aber mein Rachen war trocken und ich musste trinken. Markus war nicht zu bremsen, also zog er weiter, was auch kein Problem war für mich, denn ich wusste wie wichtig es für ihn war sein Tempo zu gehen. Jemanden zu überholen ist nicht einfach, denn die regelmässige Atmung darf nicht aufs Spiel gesetzt werde. Trotzdem war es mir wichtig nicht zu langsam zu werden, um wieder näher bei Markus zu sein. Nach einer weiteren Stunde mussten wir erneut einige Schritte zurücksetzten, weil sich Markus schlecht fühlte. Ich selbst fühlte mich bis dahin nie müde oder erschöpft, doch ich bekam mit dass Markus nun zusätzlich von Bauchkrämpfen heimgesucht wurde. Die Ungewissheit ob sein Gesundheitszustand ausreicht um den Gilmanspoint zu erreichen, belastete mich deutlich stärker als die körperliche Anstrengung.

Der Gang durch den Schnee, die Steine mit ihren weissen Dächern, der Sternenhimmel und die unendliche Ruhe taten mir sehr gut. Ein letzter Blick zum Gipfel brachte mich dazu nicht mehr so nach oben zu sehen, den die obersten Lichter schienen unerreichbar weit entfernt. Doch ich war überzeugt die 5650 Meter zu erreichen, denn mein Körper war noch immer in guter Verfassung, es war kaum ein erhöhter Druck in meinem Kopf, meine Beine fühlten sich leicht und locker an. So ging ich weiter und hoffte, dass Markus, der etwas vor mir ging sich nicht überschätzte. In gewissen Abständen konnten wir miteinander sprechen. Die Entfernung wurde etwas grösser doch wir kamen immer wieder in Sichtweite und konnten uns gegenseitig ermutigen die Kräfte einzuteilen.

Allmählich wurde die Nacht heller, ganz geheimnisvoll drängten sich erste Sonnenstrahlen durch den Horizont. Irgendwie war ich irritiert ich sah die Sonne über dem Wolkenmeer, musste mich auf dem Zickzackweg wieder abdrehen und wollte doch eigentlich dieses Naturschauspiel beobachten. Mein Begleiter machte keine Anstalten, dass ich anhalten und staunen könnte. Nach einer weiteren Kehrtwende rief ich Markus ob er die Sonne gesehen habe. Er hatte gerade einige Bauchkrämpfe hinter sich konnte nun diesen Moment erhaschen. Der Blick Richtung Mawenzi bezeugte wie „hochhinaus“ wir getazzelt waren. Ein unbeschreibliches Naturschauspiel, ein Morgenrot wie ich es  noch nie gesehen hatte, ein Wolkenmeer unter mir, wie es sonst nur im Flugzeug zu sehen ist und ICH MITTENDRINN, nicht in Worte zu fassen, einfach nur SCHÖN.

Nun fühlte ich mich zum ersten mal etwas erschöpft und verunsichert ob ich den Gilmanspoint erreichen würde. Simon mein Bergführer hatte mich während der ganzen Tour strong Mama genannt, einmal mehr sprach er: “strong Mama, we go, pole pole“

Mir war klar, es kann nicht mehr soweit sein, wir sind wohl etwas später am Gipfel als geplant, aber das spielt keine Rolle, der Weg ist das Ziel. Während der nächsten Stunde spitzte ich immer wieder meine Ohren weil ich wusste wir müssen in der Nähe des Gipfels sein und einige Personen unserer Gruppe bereits oben. Doch ich musste mich noch um einige Spitzkehren wenden, bis ich die so sehr ersehnten Stimmen hörte. Doris machte eine Rast und sagte zu mir: „Komm trink etwas und iss ein Stück Riegel“ das tat wirklich gut. Erneut musste ich nun meine Kräfte sammeln, wieder in den Tritt kommen und noch die einte oder andere Verschnaufpause einlegen. Simon war stets an ein meiner Seite, kontrollierte meine Atmung und motivierte mich immer wieder, das Ziel nicht aufzugeben sondern durchzuhalten bis ich bei meinen Freunden war.

Markus war 15 Min. vor mir auf dem Gipfel und blickte ohne grosse Hoffnung zu mir nach unten und sagte zu seiner Schwester, Valeria wird das nicht schaffen ich wette keine 50 Rappen auf sie. Doch mein Weg war klar für mich, das Ziel, den Gillmantspoint gesund erreichen. Als ich noch einen Kameraden überholte, war mir klar, du musst bei dir bleiben, es ist bald geschafft. Die allerletzten Schritte ging ich, glaube ich wie auf Wolken. Ich weiss nicht mehr wenn ich als erstes in meine Arme geschlossen habe, ich weiss nur ich war soooo erleichtert. Doch die Entspannung liess noch auf sich warten, oben angekommen, realisierte ich sofort, dass es Markus eher schlechter geht als mir und ihm die Höhe zu schaffen macht. Somit blieb meine Anspannung aufrecht, denn wir hatten nur einen Rucksack, ich brauchte noch etwas zu trinken und ein Gruppen Foto wollten wir auch noch machen. Kaum hatten wir das Foto gemacht, musste Markus und sein Bergführer den Berg runter und zwar so schnell wie möglich um seine Gesundheit nicht zu gefährden.

Gestärkt mit einem feinen Stück Magenbrot konnte ich ein Wunderbares Erlebnis mit 10 weiteren Personen teilen: Réne der sich den Weg auf den Gilmantspoint schwer erkämpfte, machte Saskia einen Heiratsantrag. Gerührt vor Freude tränkten wir den Gipfel mit Freuden tränen, umarmten einander innig und machten uns dennoch rasch auf den „Heimweg“ Richtung Kibo Hütte. Unterwegs brannte die Sonne wie „Gstört“ auf mich herunter so liess ich es mir nicht nehmen meine 2 Hosen auszuziehen und in der Funktionsunterhose den Hang hinunter zu sausen. Müde und überglücklich fand ich Markus in seinem Schlafsack, und gönnte mir eine kurze Pause, konnte aber nicht liegen, da ich all die Eindrücke verarbeiten musste und gar nicht so richtig begriff, was mir in den letzten 11 Stunden alles widerfahren ist.

Valeria Steiner-Federer